Mit Kraxe und Crocs nach Sizilien – Teil 1: Die Reise beginnt

Mit Kraxe und Crocs nach Sizilien – Teil 1: Die Reise beginnt

Und so kam Ende Oktober, und wir gingen wieder auf Reisen. Wir hatten nach Reisezielen gesucht, an denen es auch im Oktober und November noch warm ist, die mit der Fähre erreichbar sind und wo wir wandern gehen können. Lange wollten wir nach Marokko, schlussendlich fiel unsere Wahl jedoch auf Sizilien, die zitronenblühende Insel ganz im Süden Italiens.

Da Ivo mit Cleo Italienisch spricht und Marie etwas übt, bietet uns die Reise auch die schöne Möglichkeit, noch mehr in die italienische Sprache und Kultur einzutauchen. Durch die fehlende Sprachbarriere erschien uns Sizilien zudem als sichere Option, um mit einem eineinhalbjährigen Kind wandern zu gehen.

Beim Packen mussten wir uns noch stärker reduzieren, da Cleos Sachen grösser geworden sind und wir statt mit zwei Rucksäcken nun mit einem Rucksack und einer Kraxe reisen.

Über Mailand und Genua nach Palermo

So starteten wir am Freitag zunächst mit dem Zug nach Mailand, wo wir gemeinsam mit Ivos Eltern die chinesische Küche genossen. Empfehlungen dazu findet ihr in Ivos anderem Post.

Dann ging es weiter nach Genua für Pesto Genovese, wo wir die Fähre nach Palermo besteigen sollten. Leider wurde deren Abfahrt von 19 Uhr auf 3:30 Uhr morgens verschoben. Das ist mit einem Kind eher ungünstig. Auch wenn Cleo wunderbar am Hafen schlafen konnte, fehlten uns Eltern doch einige Stunden Schlaf – und Cleo war am nächsten Morgen pünktlich hellwach und spielbereit.

Die Fährfahrt selbst war total angenehm und ist mit einem kleinen Kind wohl eine der bequemsten Varianten, weite Strecken zurückzulegen – wenngleich der Spielplatz an Bord etwas zu wünschen übrig liess. Für Cleo ist zum Glück noch alles ein grosser Spielplatz, und die Eltern sind ja auch gute Klettergerüste.

Wir kamen gegen Mitternacht verspätet in Palermo an. Die Luft war angenehm warm, allerdings hatten wir nun auch die zweite Nacht in Folge wenig geschlafen. Um genug Energie zu haben, frühstückten wir am nächsten Tag glatte fünfmal, gingen über Palermos Märkte, assen vegane Arancini und Pane con Panelle und holten unsere Credenziale ab.

Warum nicht gleich loswandern?

Eigentlich war unsere Idee, einen etwas abwechslungsreicheren Urlaub zu machen: eine Kombination aus sieben bis zehn Tagen Wandern, Städten und den Äolischen Inseln. Definitiv wollten wir uns auch ein paar Tage Zeit für Palermo lassen.

Nach dem oben beschriebenen, mit Unmengen köstlichen Essens gefüllten Tag hatten wir aber bereits mehr Lust aufzubrechen. Statt nur ein paar Etappen in der Mitte der Via Francigena Normanna zu laufen, beschlossen wir, gleich am Anfang zu beginnen.

Die Via Francigena Normanna ist ein Pilgerweg von Palermo nach Messina, der über die Berge und durch die Madonie, die Nebrodi und die Peloritani führt. Je nach Streckenführung sind dabei rund 370 bis 390 Kilometer und etwa 12’500 bis 15’000 Höhenmeter zu bewältigen.

Von Palermo nach Bagheria

Nachdem wir uns am zweiten Tag unseren ersten Stempel im Dom abgeholt hatten und Ivo ungefähr ein Kilogramm mit Ricotta gefülltes Gebäck gegessen hatte – Cannoli, Cassata, Iris … –, ging es los. Hauptsächlich auf Asphalt und eher hässlichen Strassen, dafür aber am Meer entlang.

So liessen wir Palermo hinter uns und erreichten Bagheria.

Cleo liebt es, in der Kraxe zu sitzen und uns nachzuplappern oder uns gestisch und mimisch zu imitieren. Wenn wir einem Auto winken, winkt sie auch. Wenn wir einem Hund etwas zurufen, ruft sie das Gleiche. Ausserdem lernen wir aktuell Farben und Tiergeräusche.

In Bagheria schliefen wir in einem Airbnb und holten uns vorher noch einen Stempel in der Kirche ab. Abends bestaunten wir eine Holzofenbäckerei, in der viele Menschen frisches Brot abholten, um es mit frischem Olivenöl zu essen. Wir natürlich auch.

Crocs, Kühe und eine Einsiedelei

Nach einer erholsamen Nacht wartete eine lange Etappe auf uns. Es sollte hochgehen zum Eremo San Felice, einer unbewarteten Einsiedelei ohne Strom, dafür aber fantastisch gelegen.

Zunächst ging es jedoch nach Altavilla Milicia, wo wir gleich zwei Mittagspausen einlegten: einmal bei einem Picknick vor der Polizeistation, wo wir freundlich begrüsst wurden, und einmal in einer Bar.

Zu Cleos Glück fanden wir in einem kleinen Dorfladen Crocs in Grösse 23. Cleo liebt Crocs. In jeder Berghütte freut sie sich über Crocs. Wir hatten bisher noch keine so kleinen gefunden, also gab es natürlich welche für sie. Ab diesem Moment wollte sie keine anderen Schuhe mehr anziehen – und die Crocs auch zum Schlafen nicht mehr ausziehen.

Zu Cleos zweitem Glück führte der Weg nun durch wunderschöne Hügellandschaften mit vielen Tieren. Cleo liebt Kühe. Und so wurde unsere weitere Wanderung von ganz viel „Muh“ untermalt – entweder von Cleo oder von den Kühen.

Im Eremo angekommen, war das Feuer dank Freiwilligen bereits angezündet. Decken, Licht und Kerzen erwarteten uns in mystischer Atmosphäre. Auch wenn das Schlafen nicht ganz so bequem war, war es eine fantastische Nacht im Mondschein.

Caccamo und sizilianische Gastfreundschaft

Als Nächstes folgte eine kurze Etappe nach Caccamo, wo wir Luftballons in einer Bar fanden, einen Spielplatz erforschten und die normannische Burg besuchten. Weitere Highlights für Cleo.

In jeder Bar bekommt Cleo Süssigkeiten zugesteckt sowie Küsse und Umarmungen. Wenngleich wir die Süssigkeiten noch abwenden können, ist eine zuckerfreie Ernährung für Cleo hier recht schwierig, da es schlichtweg oft nichts Zuckerfreies gibt.

Eine vegane Ernährung würde wohl hauptsächlich auf Pasta alla Norma hinauslaufen. Und auch wenn wir hier jeden Tag Pasta und Melanzane essen, haben wir beschlossen, uns auf dieser Reise wieder vegetarisch zu ernähren.

Durch die Olivenhaine nach Montemaggiore Belsito

Am nächsten Tag wurde es schon hügeliger und fast sogar bergig. Viele Olivenbäume säumten unsere Strecke auf dem Weg nach Montemaggiore Belsito.

Unter einem Olivenbaum machten wir Mittagspause, und ein netter Mann brachte uns zwei frische Orangen und eine Zitrone. Ivo machte im Schatten eines Olivenbaums mit Cleo Krafttraining und trat fast auf eine schwarze Schlange, während Marie die Brote belegte.

In Montemaggiore Belsito angekommen, suchten wir noch einen Supermarkt auf und liessen uns von der Herbergsmutter das hiesige Pilgersystem sowie die Gefahren der nächsten Etappen erklären. Sie empfahl uns, für den Fall der Fälle einen Stock gegen die Wildschweine mitzunehmen.

Tatsächlich hatten wir bereits einige Wildschweine in der Ferne gesehen, ausserdem Rehe und einige streunende Hunde.

Frischlinge, fast Thermen und ein sehr langer Tag

Am nächsten Tag fanden wir direkt einen passenden Stock. Da eine extrem lange Etappe von über 32 Kilometern und 1’700 Höhenmetern auf uns wartete, sagten wir auch nicht Nein, als uns ein Mann auf der Ladefläche seines LKWs ein Stück den Hügel hinauffuhr.

Beim Abstieg sahen wir tatsächlich ganz kleine Frischlinge und waren sehr froh über unseren Stock – für den Fall, dass eine beschützende Mama auftauchen sollte. Natürlich brauchten wir ihn nicht.

Es ging sehr steil hinauf nach Sclafani Bagni, wo wir leider die heissen Thermen verpassten. Das bemerkten wir etwa 200 Höhenmeter zu spät.

Dafür gab es danach wieder ganz viel Singen mit Cleo. Sie fordert mittlerweile bestimmte Lieder ein, indem sie die Melodie zu singen beginnt, und freut sich unglaublich, wenn wir alle zusammen singen.

Hier in den Madonie ist es wunderschön, wie sich die Dörfer an die Hügel schmiegen und man dadurch schon Stunden im Voraus das Etappenziel sehen kann. Wir liessen auch Caltavuturo hinter uns und sahen Polizzi Generosa in der Ferne thronen.

Es sollte ein langer Tag werden. Die letzten 400 Höhenmeter gingen wir im Dunkeln mit Stirnlampen steil den Berg hinauf. In Polizzi Generosa trafen wir dann auf den ersten anderen Pilger.

Wir gingen noch fein essen und beschäftigten Cleo, indem wir ganz viele Tiere auf den Tisch malten, woran sie grosse Freude hatte.

Gipfeli, Tomaten und Pasta alla Norma

Die Nacht war nicht besonders lang. Dafür sassen wir am nächsten Morgen umso länger in der Bar bei diversen Gipfeli.

Wie so oft wurde Cleo etwas angeboten, das sie geschenkt bekam – meistens eine Süssigkeit. Die Menschen sind unglaublich freundlich zu ihr, und es macht sehr viel Freude, diese Reise gemeinsam mit ihr unternehmen zu dürfen.

Auch heute sollte es wieder ein langer Tag werden. Von Polizzi Generosa ging es an den Madonie vorbei nach Petralia Sottana und danach noch höher hinauf nach Petralia Soprana.

Im unteren der beiden Dörfer konnten wir auf einem Wochenmarkt, begleitet von lautem Glockenklang, Obst und Gemüse einkaufen. Und so knabberte Cleo den ganzen Weg hinauf an Tomaten und Weintrauben.

Oben angekommen fanden wir zunächst keinen Platz zum Mittagessen, da an diesem Samstag viele Menschen einen Ausflug in die schöne Ortschaft machten. Wir klapperten alle vier Restaurants ab und warteten schliesslich, bis sich irgendwo ein Tisch leerte.

Die Pasta war hervorragend und reihte sich nahtlos in unseren mittlerweile neuntägigen Pasta- und Auberginen-Streak ein.

Mit einem Croc weniger nach Gangi

Mit vollem Magen machten wir uns auf die letzten zwölf Kilometer des Tages in Richtung Gangi, einem Ort, der schon einmal als schönstes Dorf Italiens ausgezeichnet wurde.

Auf dem Weg überraschte uns ein Regenguss mit etwas Donnergrollen. Doch vom Glück verfolgt hielt direkt ein Auto an und nahm uns die letzten fünf Kilometer bis nach Gangi mit.

Allerdings verloren wir beim Einsteigen einen von Cleos geliebten Crocs. Und so machte sich Ivo am Abend noch einmal auf und joggte zurück, um das Paar wieder zu vervollständigen.